Schamgefühl ist ein universelles Gefühl, das uns tief beeinflussen kann.
Hast du auch manchmal das Gefühl, dass du fehlerhaft bist und keine Liebe oder Zugehörigkeit verdienst? Wir alle haben schon einmal Dinge getan, die uns peinlich sind, und schweigen aus Angst, andere zu enttäuschen. Wenn dann jemand eine Sache anspricht, die wir selbst als unzureichend empfinden oder kritisiert, werden wir von dem intensiven Gefühl „Ich bin nicht gut genug“ überwältigt. Wir fühlen uns klein, unvollständig oder wertlos.
Das ist das Werk des Schamgefühls.

Als Nächstes werden wir gemeinsam die folgenden Aspekte des Schamgefühls betrachten:
1. Drei Fakten über Schamgefühl
Wenn unser Kopf von Scham erfüllt ist, wissen wir oft nicht, wie wir damit umgehen sollen. Schamgefühl ist schwer auszudrücken und scheint unser tägliches Leben nicht direkt zu beeinflussen. Tatsächlich aber kann das bewusste Ansprechen von Scham unsere Art zu leben verändern – sei es in Beziehungen, in der Erziehung oder in sozialen Interaktionen.
Jeder Mensch empfindet Scham
Scham ist eine der grundlegendsten menschlichen Emotionen. Viele glauben, dass nur Menschen mit traumatischen Erfahrungen dieses Gefühl empfinden. Doch das ist nicht wahr. Jeder hat schon einmal Scham empfunden, auch wenn dieses Gefühl oft verborgen bleibt. Wer behauptet, nie diese Emotion erlebt zu haben, zeigt möglicherweise ein Defizit an Empathie und Schwierigkeiten, tiefe Verbindungen zu anderen Menschen aufzubauen.
Wir alle haben Angst, darüber zu sprechen
Es ist nicht leicht, sich den eigenen schmerzhaften Gefühlen der Peinlichkeit zu stellen. Wenn wir alles einfach nur „gut aussehen“ lassen wollen, zahlen wir später einen höheren Preis. Perfektionisten neigen besonders dazu, dieses Gefühl zu verbergen. Sie fürchten, durch das Offenlegen ihrer Fehler als unwürdig wahrgenommen zu werden und so ihre Zugehörigkeit zu verlieren.
Weniger sprechen, mehr Kontrolle
Scham beruht auf der Angst, nicht geliebt zu werden, weil wir vermeintlich ein schlechter Mensch sind. Damit sie Macht über uns hat, braucht sie drei Bedingungen: Geheimhaltung, Schweigen und Urteil. Wenn wir Scham nicht aussprechen, wächst sie und verstärkt sich.
2. Scham ≠ Schuld
Oft verwechseln wir Scham mit Schuldgefühl. Doch es gibt einen wichtigen Unterschied:
- Schuld: „Ich habe etwas Schlechtes getan.“
- Scham: „Ich bin schlecht.“

Scham definiert unser Sein, während Schuld sich auf unser Handeln bezieht. Schuld kann eine Motivation sein, um Fehler wiedergutzumachen. Scham hingegen lässt uns glauben, wir könnten uns nicht verändern. Ein Kind, das oft hört „Du bist schlecht“ statt „Das war nicht in Ordnung“, entwickelt tiefgreifende Selbstwertprobleme. Eltern, die Scham zur Erziehung nutzen, vermitteln ihrem Kind, dass es nicht liebenswert ist.
3. Fünf Schritte, um das Schamgefühl zu überwinden
Glücklicherweise können wir durch bewusstes Training unserer Gedanken unsere „Resilienz gegenüber Schamgefühlen“ stärken. Aber wie können wir Scham loswerden und wieder ein Gefühl der Freiheit erlangen?
Schritt 1: Sprich über dein Schamgefühl
Vertraue dich Menschen an, denen du vertraust, und sprich über deine Scham. Geheimhaltung verstärkt nur das Gefühl der Scham. Das Teilen und Austauschen mit empathischen Menschen hilft uns, das Schamgefühl loszulassen und weiterzugehen.
Schritt 2: Den Auslöser herausfinden
Finde heraus, was dein Schamgefühl auslöst. Oft verbinden wir bestimmte Lebensbereiche oder Dinge mit unserem Selbstbild, wie zum Beispiel Kindererziehung, Aussehen oder Fähigkeiten. Alles, was mit unserem Selbstwert zu tun hat, kann Scham hervorrufen. Um unser Selbstwertgefühl zu stärken, müssen wir verstehen, dass unser Wert als Mensch nicht von Fehlern abhängt.

Schritt 3: Nur den sachlichen Teil der Kritik betrachten
Ob die Kritik von anderen kommt oder aus unserem eigenen Kopf, sie ist nie die Tatsache selbst, sondern nur eine Interpretation der Fakten. Wir sollten die verletzenden Teile der Kritik herausfiltern und uns nur auf den sachlichen Kern konzentrieren. Und wir sollten uns immer daran erinnern, dass niemand perfekt ist – wir alle machen Fehler und erleben Misserfolge. Der erste Schritt zur Veränderung ist Akzeptanz: „Ich habe Fehler, aber ich liebe mich trotzdem. Ich bin wertvoll und werde aus meinen Fehlern lernen.
Schritt 4: Achte auf deine innere Bewertung
Kritik kann schmerzhaft sein, weil unser Gehirn versucht, uns zu schützen. Aber was, wenn die schärfste Kritik von uns selbst kommt? Wenn wir uns immer wieder mit unseren eigenen Fehlern und Mängeln beschäftigen, geraten wir leicht in einen Teufelskreis der Selbstkritik und des Selbsthasses.
Schritt 5: Sprich auf die richtige Weise mit dir selbst
Wenn wir Scham empfinden, geht das oft mit Selbsthass einher. Wir neigen dazu, uns selbst weiter zu bestrafen, anstatt mit uns selbst mitfühlend umzugehen. Ein anschauliches Beispiel: Wenn jemand am Boden liegt, wird er nicht wieder aufstehen, indem man ihn tritt. Um aus unseren Fehlern zu lernen, brauchen wir Verständnis für uns selbst, unseren Fehlern zu lernen, müssen wir uns selbst mit Verständnis begegnen und uns selbst respektieren.
Quellen: Brené Brown: Die Gaben der Unvollkommenheit
Dr. Julie Smith: Aufstehen oder liegen bleiben?: Tools für deine mentale Gesundheit
Neben dem „Schamgefühl“ wird auch das „Rumination“ unsere Denkweise tief beeinflussen. Weitere Informationen über Rumination finden Sie in unserem Artikel auf ichbinwert.de: 3 Fakten zur Rumination: Konzept und Auswirkungen.
Wenn Sie an weiteren Inhalten zu Die Gaben der Unvollkommenheit interessiert sind, können Sie auch auf YouTube das folgende Video ansehen (leider nur in englischer Sprache):